Bürgerinitiative Zwangsbejagung ade

Schleswig-Hol: Grundstück in Steinburg jagdfrei

Seit Beginn des neuen Jagdjahres am 1.4.2014 sind in Schleswig-Holstein die ersten Grundstücke jagdfrei. Zu Beginn des Jahres 2014 hatten bereits über 20 Grundstückseigentümer einen Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihrer Flächen gestellt - und es werden immer mehr.

Das 6,5 Hektar große Grundstück von Jutta Reichardt in Neuendorf-Sachsenbande im Kreis Steinburg nördlich von Hamburg wird seit 1.4.2014 offiziell nicht mehr bejagt.

Das Hofgrundstück ist von einem großen Garten und etlichen Anpflanzungen umgeben, daran schließt sich feuchtes Grünland an, wie es in der Küstenregion typisch ist. „Wir haben den Resthof 1994 gekauft und uns auf dem Land niedergelassen, um hier als Freiberufler in Ruhe leben und arbeiten zu können“, berichtet Jutta Reichardt.

Die Tierfreunde und Vegetarier renaturierten das Grünland und schufen Biotope: "Wir legten Feldhecken und Gehölze mit Nahrungssträuchern für die Tiere an. Wir ließen einen Teich baggern mit Brutinseln für Wildgänse und Enten und für unsere tierischen Schützlinge."

Jutta Reichardt hat auf ihrem 6,5 Hektar

großen Grundstück in Steinburg / Schleswig-Holstein ein Biotope für Tiere angelegt. Seit 1.4.2014 darf hier nicht mehr gejagt werden.

Doch der Traum der Reichardts vom friedlichen Leben auf dem Lande wurde durch die Installation von Windkraftwerken nur 320 bis 450 Meter neben dem Haus zunichte gemacht:
"Als wir im Frühjahr 1995 erleben mussten, dass Tausende von Kiebitzen, Goldregenpfeifer, Greife, Eulen, Fledermäuse usw. aufgrund der Scheuch- und Vergrämungswirkung nicht in seine angestammten Habitate zurückkehrten, haben wir uns umgehend bemüht, auf der den Windkraftwerken abgewandten Seite des Hofgrundstückes Land hinzuzukaufen, um es zu renaturieren und der Natur als Ersatz zur Verfügung zu stellen. Das Grünland wurde vernässt, feuchte Senken angelegt, die Entwässerung unterbrochen, wir legten Feldhecken und Gehölze mit Nahrungssträuchern für die Tiere an, die auch zum Brüten einladen. Wir ließen einen Teich baggern mit Brutinseln für Wildgänse und Enten und für unsere tierischen Schützlinge, denen wir zunehmend Obdach geben mussten, wenn sie krank, verletzt (oft durch Schusswunden und Bisse von wildernden Jagdhunden der bäuerlichen Nachbarn) und ausgehungert zu uns kamen oder über den Zaun geworfen wurden.“

Die erste Begegnung mit den Jägern war für die Reichardts ein Schock: „Kurz vor Weihnachten 1995 standen plötzlich zum ersten Mal gut 20 bewaffnete Jäger plus ebenso viele Treiber, die sogar Kinder im Vorschulalter dabei hatten, auf unserem Land direkt hinter dem Hof und begannen wortlos, aber mit Vehemenz, alles, was Beine und Flügel hatte, vor sich her von unserem Hof weg zu treiben. Da die Tiere unseres Tierschutzbestandes solch einen Übergriff aus dem Nichts ebenso wenig erwartet hatten wie wir, herrschte das Chaos und die Angst. Wir riefen sofort die Polizei in der Annahme, diese würde uns vor den Bewaffneten schützen. Wie naiv von uns - und so waren wir als unerfahrene Großstädter umgehend zur Lachnummer der Jagdgesellschaft geworden. Anschließend hab ich mich dann informiert und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass diese Übergriffe Bewaffneter zum Alltag zwangsbejagter Grundbesitzer gehören.“

Durch geschickte Verhandlungen und das Glück, einen naturfreundlichen Jagdpächter mit Einfluss unter den Bauernjägern als Ansprechpartner zu haben, gelang es den Reichardts zwei Jahre später, für mehrere Jagdwinter eine Umgehung ihres Landes zu erreichen.

Doch das änderte sich, nachdem der naturfreundliche Jagdpächter ausgestiegen war und die bäuerlichen Nachbarn die Jagd führten. „Erschwerend kam für uns als Zwangsbejagte hinzu, dass wir inzwischen eine Bürgerinitiative gegen die Erweiterung der Windkraftflächen gegründet hatten“, berichtet Jutta Reichardt. Der Erfolg der Bürgerinitiative bedeutete für die Landwirte – allesamt auch Jäger – Verlust von Pachteinnahmen und EEG-Subventionen.

„Seit 2005 wurden daraufhin während der jährlichen Treibjagd regelrechte Hetzjagden auf unsere Tierschützlinge veranstaltet“, so die Tierfreunde. Die Jäger stellten sich mit ihren Jagdhunden rund um den Teich auf. „Unsere verletzten, flugunfähigen Tierpfleglinge wurden von Hunden gehetzt und waren dann irgendwann während der Jagd ‚verschwunden’. Kanada- und Nonnengänse wurde vom Himmel geholt, und man war sichtlich erfreut, wenn wir den Abschuss unserer flugfähigen Vögel auch mitbekamen. Ob es dabei auch geschützte Arten (z.B. Nonnen- und Saatgänse) traf, war völlig unerheblich. Wir haben Abschüsse in der Dämmerung gefilmt, Beleidigungen und Pöbeleien gegen unsere stets zur Unterstützung und zum Schutz unserer Tiere bei der Treibjagd anwesenden Freunde und das lustvolle Durchsieben kleiner Feldhasen mit anhaltenden Salven, bis von der armen Kreatur nichts mehr übrig war.
Die Schafe gerieten in Panik. Ein gebrochenes Bein, mit dem eines unserer Wollknäuel dann jahrelang lebte, und Tiere, die wir aus unseren Gräben ziehen mussten, waren ‚Normalzustand“. Verschwundene Katzen, verschreckte Truthühner, wütende Hängebauchschweine, ein völlig desorientierter Jagdhund, dem ich vor Jahren nach seiner Mitnahme von Korsika das Jagen abtrainiert hatte, Stallhasen, die erst nach Tagen aus ihren Verstecken zurück kamen. Und natürlich die ungehemmte Mörderei ‚unserer’ Rebhühner, Hasen, Fasane und der Rehbockkitze, die als Jährlinge gemeuchelt werden. Ein großer Schluck aus dem Flachmann zwischendurch, Einkehren beim Bauern zur Mittagszeit, wo dann nicht nur gegessen, sondern auch gut und reichlich getrunken wurde, um anschließend noch „mutiger“ und vor allem aggressiver auf alles zu ballern, was vor die Flinte kam.
Dabei wurde dann auch mal ein Jagdhund mit verbotenem Elektrohalsband eingesetzt, der auf dem Teich von ebenfalls zugereisten Nachbarn und Windkraftgegnern die komplette Population von etlichen Brutpaaren seltener geschützter Entenrassen tot gebissen hat. Der stark angetrunkene "Oberjäger" wurde von der herbeitelefonierten Polizei mitsamt Hund mit E-Halsband und mit Gewehr nach kurzer Befragung zum Geschehenen wieder in die Treibjagd entlassen. Man kannte und man duzte sich. Der Entenbesitzer wurde anschließend bedroht, damit er den Vorfall nicht zur Anzeige brächte...“

Vor einigen Jahren wurde Jutta Reichardt auf die Initiative „Zwangsbejagung ade“ aufmerksam. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2012 wandte sie sich an Rechtsanwalt Dominik Storr und stellte einen Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihres Grundstücks.

Zunächst sah es so aus, als würde den Reichardts die Befreidung ihres Grundstücks von den Behörden so schwer wie möglich gemacht: Es wurde mit einer Gewissensprüfung gedroht und Gebühren für die Bearbeitung des Antrags in Höhe von 2000 bis 4.000 Euro angekündigt.

Doch dann kam es doch anders: „Die Gewissensprüfung, ob unsere ethischen Gründe ausreichen und unser jahrzehntelanger Vegetarismus echt ist, wurde trotz mehrfacher Ankündigung in diversen Zeitungsartikeln durch den Obersten Jäger des Landes, Johann Böhling, abgesagt“, so Jutta Reichardt. Und Ende März 2014 kam dann auf einmal der Bescheid, dass dem Antrag statt gegeben wurde und ihr 6,5 Hektar großes Grundstück nun offiziell nicht mehr bejagt wird. Die Kosten: 250 Euro.